Dr. Edvard Benesch

Die bewußt provozierende Betrachtung und Wertung eines Politikers.

Wenn ein Politiker daran gemessen wird, wie weit er seine gesetzten Ziele durchgesetzt hat, kann Dr. Edvard Benesch mit Fug und Recht als außerordentlich erfolgreich angesehen werden.

Er wollte, das war in meinen Augen sein Hauptziel, auf dem Gebiete der "Tschechoslowakei" einen Nationalstaat der Tschechen und Slovaken errichten; dieses Ziel hat er erreicht.

Wird allerdings ein Politiker daran gemessen, welchen Nutzen seine Politik seinem eigenen Volk gebracht hat, möchte ich behaupten, daß Benesch hier ein totaler Versager war.

Benesch hat die Tschechoslovakei 2 mal in eine Sackgasse geführt, seine Politik führte sein Land zweimal in die Abhängigkeit einer fremden Macht.

Die erste Abhängigkeit dauerte nur sieben Jahre. Zur Beendigung dieser Abhängigkeit hat, konnte Benesch wenig beitragen. Er hat aber während dieser Zeit mit der selben Uneinsichtigkeit die zweite Abhängigkeit vorbereitet. Diese dauerte allerdings 42 Jahre und an den Folgen wird sein Volk noch lange zu tragen haben.

Begründung:

Die erste Abhängigkeit.

Masaryk und Benesch haben in den Pariser Vorortverträgen durchgesetzt, daß die Tschechoslowakei als zentralistischer tschechischer Nationalstaat gegründet wurde. Der Bevölkerungsanteil der Tschechen betrug 48%, nach strengen Maßstäben eher eine Minderheit.

Später, als die anderen Nationalitäten auch Rechte einforderten, die deutschen Parteien stärkste Fraktion im Prager Parlament wurden, hat er versucht durch taktieren, ohne wirklich befriedigende Lösungen zuzulassen, bei seiner strikten National-tschechischen Politik zu bleiben.

Das hätte vielleicht auch noch erfolgreich sein können, wären seine europäischen Gesprächspartner diejenigen von 1918 / 1919 gewesen.

Jetzt aber stand in Deutschland ein skrupelloser Politiker namens Adolf Hitler an der Spitze, der sich keiner politischen Tradition verpflichtet fühlte, schon gar nicht einer "Kabinettspolitik" im Stile des 19. Jahrhunderts, wie sie Benesch mit seinem Taktieren zu betreiben versuchte.

Ich klage Benesch nicht wegen seines Verhaltens bis ca. 1930 an, dafür kann ich Verständnis aufbringen. Schließlich haben die Deutschen in Böhmen und Mähren 1919 auch versucht, sich Deutschland bzw. Österreich anzuschließen. Nein, er hätte nach spätestens 10 Jahren wenig erfolgreicher Nationalpolitik erkennen müssen, daß er so sein Land nicht weiter führen kann. Er hatte genügend Zeit, seine Fehleinschätzungen zu korrigieren.

Wäre er bereit gewesen, den Deutschen den Status eines Staatsvolkes mit kultureller Autonomie und den Slowaken gewisse Autonomierechte zuzugestehen, hätte er die Unterstützung seiner "Geburtshelfer" Frankreich und England behalten.

1935 hätte Hitler wegen der Sudetendeutschen noch keinen Krieg mit England und Frankreich riskiert. Benesch aber hätte durch die oben erwähnten Zugeständnisse den inneren Frieden erreicht, er hätte das Potential der Sudetendeutschen voll für seinen Staat gewonnen. Er hätte Hitler keinen Vorwand geliefert, die Sudetenfrage zur Kriegsfrage zu machen.

Die Ergebnisse sind bekannt.

Nicht die Sudetendeutschan haben durch ihre Illoyalität den Staat zerstört, sondern die Illoyalität der Staatsführung gegenüber einem großen Teil seiner Bevölkerung, mit der Ausgrenzungspolitik.

Die zweite Abhängigkeit

Benesch hat auch nach dieser Katastrophe für sein Land die Schuld woanders gesucht, nämlich bei den Sudetendeutschen. Er ging offensichtlich davon aus, daß sein Land erst wirklich unabhängig sein kann, wenn das Gebiet der CSR von fremden Nationalitäten gereinigt worden ist. Auch hier muß ihm bescheinigt werden, daß er dieses Ziel politisch durchsetzte. Nur Stalin machte das nicht umsonst. Im Vertrag von 1943 hat er die Zustimmung Stalins zur Vetreibung der deutschen Bevölkerung von dem Gebiet der CSR erreicht, in dem er der UdSSR wesentliche Mitbestimmungsrechte in der Politik der Nachkriegszeit in der CSR einräumte.

Ich glaube nicht, daß Benesch sein Land an die UdSSR ausliefern wollte.

Er hat auch diesen Vertrag wieder als taktische Maßnahme verstanden und nicht erkannt, daß Stalin für solche Taktiken nicht zu gebrauchen war.

Schon das Kaschauer Programm von 1945 liest sich in den Passagen, die die UdSSR betreffen, als wäre es bereits von Gotwald verfaßt, nicht von Benesch.

Die Vertreibung der Sudetendeutschen erfolgte, darauf soll hier nicht eingegangen werden.

Als die USA 1947 den Marschallplan zum Wiederaufbau Westeuropas in die Wege leiteten, mußte die CSR, auf Druck Moskaus und auf Grund der 1943 eingegangenen Verpflichtungen, eine angebotene Teilnahme ablehnen. Sie mußte sich, auf Grund der erneuten Fehleinschätzung von Benesch, von der westeuropäischen Wirtschaftsentwicklung abkoppeln.

Die tschechische Wirtschaft und damit auch der Staat, war, nach der Vertreibung von einem Drittel seiner ausgebildeten und arbeitswilligen Bevölkerung, noch nicht wieder gefestigt. Es kam zum kommunistischen Putsch von 1948, dem die demokratischen Kräfte nur wenig Wiederstand entgegensetzten.

Die CSR konnte zwar jetzt wirklich als Nationalstaat der Tschechen und Slowaken bezeichnet werden, aber eine Politik der nationalen Interessen, die Benesch sicher angestrebt hat, war nicht machbar.

Benesch hat sein Land in eine zweite Abhängigkeit geführt.

Diese Abhängigkeit dauerte 42 Jahre. Erst die Politik Gorbatschovs machte es der CSSR möglich, sich aus dieser Verbindung, die Benesch 1943 eingeleitet hat, zu lösen.

Und jetzt?

Die CSR ist ein Staat mit fast homogener tschechischer Bevölkerung. (Die jetzigen Minderheiten der Sinti und Roma erfahren genügend verfassungswiedrige Diskriminierungen, man denke nur an die errichtete Mauer in Usti nad Laben/ Aussig an der Elbe) Die Slowakei hat sich verselbstständigt. Auch eine Folge der nicht eingehaltenen Autonomiezusagen.

Eine Mitgliedschaft in der EU wird angestrebt. Damit gehen auch wesentliche Kompetenzen eines Nationalstaates an die EU über. Wirtschaftlichen Fortschritt kann die Tschechische Republik nur mit Hilfe von Investitionen aus dem Ausland erreichen. Diese Investitionen kommen zum großen Teil aus Deutschland. Mit der Mitgliedschaft in der EU muß sich die CR auch dem Zuzug von außen öffnen. Damit wird auch der deutsche Bevölkerungsanteil steigen.

Was blieb also von der Politik eines Edvard Benesch?

Er hat unsägliches Leid über 3,5 Millionen der deutschsprachigen Bewohner von Böhmen, Mähren und Schlesien gebracht, einer Bevölkerung, die seit Jahrhunderten in den Gebieten lebte und arbeitete und die einen wesentlichen, wenn nicht entscheideneden Anteil an der Entwicklung des Landes leistete! Er hat viele Tschechen ermutigt, zu Mördern und Dieben zu werden, indem er Straffreiheit für solche Taten, sofern sie die deutsch- und ungarischsprachige Bevölkerung betraf, garantierte.

Er hat sein Land in den Status eines Satelitenstaates einer Großmacht geführt. Viele andersdenkende Tschechen gingen ins Exil oder darben in Gefängnissen. Das Land hat sich auch in diesen Fällen, die hunderttausende betrafen, Schaden zugefügt.

Ich würde ihn in die Reihe der großen politischen Verbrecher einordnen, aber auch zum Verräter am eigenen Volk.

Daß es durchaus möglich war, die neue Zeit der Versöhnung zu erkennen, hat Alcide de Gasperi bewiesen. Er hatte eine ähnliche Biografie wie Benesch, hat aber nach 1945 völlig anders und der Zeit entsprechend gehandelt. Benesch war zu solcher Erkenntnis nicht fähig.

G.Hanak